Orlando

In Virginia Woolfs Romanbiographie Orlando, die sie ihrer Geliebten Vita Sackville-West gewidmet hat, geht es um nichts weniger als ein Wunder: Ein Mann verwandelt sich in eine Frau. Soweit so mysteriös.

Ein Buch kann lange unbemerkt, ganz oben und nur mit Hilfe einer Leiter erreichbar in einem Bücherregal stehen und mit seinem harmlos wirkenden, schmalen Buchrücken sehr wenig Raum einnehmen. Jahrelang geschieht nichts. Bis zu dem Tag, an dem ein fremdes Bewusstsein dieses Buch aufschlägt und es zu lesen beginnt. Als hätte man eine Flasche entkorkt, in der ein Geist eingesperrt war, trifft der von einem genialen Bewusstsein im vergangenen Jahrhundert verfasste Inhalt des Buches, nun auf ein lesendes Bewusstsein.

Und schon wieder steht ungeheure Verwandlung im Raum! Worte verwandeln sich und lösen Kaskaden neurobiologischer Prozesse aus. Synapsen feuern, elektrische Impulse werden ausgetauscht, ein Gedanke findet seinen biochemischen Weg. Das Orlando lesende Bewusstsein gerät ins Schwärmen.

An dieser Stelle sollte vielleicht erwähnt werden, dass auch namhafte, mit den höchsten Preisen geehrte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen dem Rätsel des menschlichen Bewusstseins noch immer nicht gänzlich auf die Spur gekommen sind. Doch, ungeachtet dessen, über wie viel Brillanz und  Charme ein solches Bewusstsein auch verfügen mag, gerät es ihm in dieser Welt gelegentlich zum Nachteil, wenn es seinen Sitz in einem weiblichen Körper hat.

So erging es auch Vita Sackville-West, nach deren Vorbild Virginia Woolfs Orlando geformt ist. Eigentlich wäre sie die Erbin des jakobinischen Herrenhauses Knole in der Grafschaft Kent gewesen, das in Urkunden zum ersten Mal im Jahre 1281 Erwähnung findet. Das Anwesen mit seinen 365 Zimmern war Vitas Geburtshaus. Soweit, so wunderbar. Doch, weil sie eine Frau war und die männliche Erbfolge galt, bekam ihr Zuhause, das soviele Zimmer hatte, wie das Jahr Tage, ihr Cousin Edward.

Mit dieser, wie ein Buch gestalteten Inszenierung, schlagen wir das Kapitel Orlando erneut auf. Mit musikalischen Zwischenspielen, die Illustrationen ähneln und eingefügten Darbietungen, die wie handgeschriebene Notizen auf einer Buchseite das lesende Bewusstsein aufblitzen lassen, widmen wir uns mit Hingabe und Neugier dem Wunderbaren.

Claudia Gahrke
Schauspielerin –

Claudia Gahrke

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